Zitate und Gedankensplitter
von Gerard Mortier
Auswahl: Albrecht Thiemann
Die Ethik des Theaters
Die Frage, die wir uns stellen müssen, ist: »Wozu und wie Theater machen?«
Jedes Mal, wenn die Oper sich im Gesangsvirtuosentum verliert, im simplen Gefallen, an der Könnerschaft, im Pathos oder im Prunk des Spektakels, schmerzt mich das wie ein Verrat an der ursprünglichen Idee. Die großen Augenblicke in der Geschichte der Oper sind deshalb für mich jene, die die Vision von Claudio Monteverdi zur Geltung bringen …
Die großen Kunstinstitute müssen so eingerichtet werden, dass die Werke in historischen, sozialen und ästhetischen Zusammenhängen begreiflich werden.
Eine ernstzunehmende Spielplandramaturgie muss ein neues Hören und Sehen fordern und ermöglichen.
(aus: Gerard Mortier, Dramaturgie einer Leidenschaft – Für ein Theater als Religion des Menschlichen. Kassel, Bärenreiter/Metzler, 2014)
Die politische Relevanz des Theaters
An der griechischen Tragödie fasziniert mich vor allem, dass die Athener mit ihr zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein politisches Theater geschaffen haben, ein Theater also, das nicht nur individuelle Leidenschaften, sondern Themen wie Macht, Minderheitenrechte, Gewalt und all die anderen Probleme behandelt, die in einer Polis entstehen. Wichtig war auch, dass diese Theaterfestspiele zu Ehren des Dionysos als ein Wettbewerb von Dichtern organisiert wurden. … Die Tragödien, die neben Dichtkunst auch Musik und Tanz miteinbezogen, wurden an Spielstätten aufgeführt, die uns heute als Modell für die Architektur von Parlamenten dienen.
Das Theater muss in permanenter Bewegung bleiben, wie die Welt, deren Abbild und Sprachrohr es ist.
(aus: Gerard Mortier, Das Theater, das uns verändert – Essays über Oper, Kunst und Politik. Kassel, Bärenreiter/Metzler, 2018)
Da, wo politische und ökonomische Entscheidungen … ohne jede langfristige Vision getroffen werden, brauchen wir mehr als je zuvor das Theater als moralische Anstalt, die sich sowohl die Warnung wie die Vision zur Aufgabe macht.
Man muss … [zu Beginn des 21. Jahrhunderts] ein höheres Risiko eingehen als zuvor, alte Gewohnheiten verwerfen, unerschütterlich auf Professionalität bestehen und den politischen Charakter des Theaters verteidigen, das bedeutet: seinen Platz in der Gesellschaft. Diese Pflicht zur Stellungnahme, die nicht notwendigerweise ideologisch sein muss, muss gleichwohl entschieden und engagiert von allen erfüllt werden, auch wenn sie sich mehr und mehr als Rufer in der Wüste fühlen, vor allem angesichts einer Medienlandschaft, die Werte durch Moden ersetzt …
Theater machen bedeutet, die Routine des Alltäglichen durchbrechen, die Akzeptanz wirtschaftlicher, politischer und militärischer Gewalt als Normalität infrage zu stellen, die Gemeinschaft zu sensibilisieren für Fragen des menschlichen Daseins, die sich nicht durch Gesetze regeln lassen und zu bekräftigen, dass die Welt besser sein kann als sie ist. … Das Theater ist eine Religion des Menschlichen.
(aus: Gerard Mortier, Dramaturgie einer Leidenschaft – Für ein Theater als Religion des Menschlichen. Kassel, Bärenreiter/Metzler, 2014)
Die Räume des Theaters
Die Architektur der ersten Orte, an denen Oper gespielt wurde, ist … von den griechischen Theatern inspiriert. Das Teatro Olimpico von Palladio in Vicenza … verfügt über eine fixe Bühnendekoration, die die Renaissancestadt darstellt. Im Halbkreis neben ihren Mitbürgern sitzend, erkennen die Zuschauer auf der Bühne das Bild ihrer Stadt … wie in einem Spiegel … Es ist kein Zufall, dass Richard Wagner sich beim Entwurf seines Festspielhauses in Bayreuth vom Teatro Olimpico des Palladio und vom antiken Dionysostheater in Athen hat inspirieren lassen. … [Das Gebäude] befindet sich … auf einem Hügel, vergleichbar der Akropolis, wohin man sich begibt wie in einen Tempel. Im Zuschauerraum sitzt das Publikum in einem Halbkreis wie im Amphitheater des antiken Griechenlands. Jeder … wird hier gleichbehandelt, indem er sowohl an der Faszination des Bühnengeschehens wie an der Unbequemlichkeit der Holzsessel teilhat. Wagner will ein ideales Verhältnis zwischen Bühne und Zuschauerraum schaffen, so dass sich alles auf die Szene konzentriert …
Die Suche nach neuen Ideen für neue Bühnenräume bleibt … äußerst wichtig. Seit den Soldaten von Bernd Alois Zimmermann bemühen sich Komponisten immer mehr, die Musik zu verräumlichen, so wie es schon Wagner versucht hat, zum Beispiel im Schlusschor des ersten Akts Parsifal.
(aus: Gerard Mortier, Dramaturgie einer Leidenschaft – Für ein Theater als Religion des Menschlichen. Kassel, Bärenreiter/Metzler, 2014)
Ein Bühnenbild sollte nie die Realität abbilden, sondern diese vielmehr demaskieren und eine Wahrheit zum Vorschein bringen, die sich hinter ihr verbirgt.
(aus: Gerard Mortier, Das Theater, das uns verändert – Essays über Oper, Kunst und Politik. Kassel, Bärenreiter/Metzler, 2018)
Das Repertoire des Theaters
Dass die Mehrzahl der Opernhäuser nicht mehr als fünfzehn Prozent ihrer Spielpläne Werken des 20. Jahrhunderts widmet, ist umso erstaunlicher, als bekannt ist, dass es viel mehr interessante Opern hervorgebracht hat als das 19. Jahrhundert.
Uraufführungen … müssen mit der größten Sorgfalt vorbereitet werden, sowohl in der Auswahl der Werke wie in der musikalischen und szenischen Umsetzung. … Außerdem muss die Spannweite der Auftragswerke so groß wie möglich sein, und ich wende mich entschieden gegen den Dogmatismus der Konzeptkunst und der fixen Ideen.
(aus: Gerard Mortier, Dramaturgie einer Leidenschaft – Für ein Theater als Religion des Menschlichen. Kassel, Bärenreiter/Metzler, 2014)