Gerard Mortier und die Politik

Rede am 21. September 2025 bei Ruhrtriennale, Jahrhunderthalle Bochum 

Lieber Ivo, Frau Ministerin, meine verehrten Damen, meine Herren, liebe Freunde,

Es ist mir ein Vergnügen, Sie hier im Namen des Vereins Mortier Awards zu begrüßen.

Für was steht dieser Verein? Wir möchten das Vermächtnis des 2014 verstorbenen Intendanten und Theater-Visionärs Gerard Mortier für die Gegenwart fruchtbar machen. Sein Denken weiterleben lassen, ein Gedankengut, das konzentriert war auf Oper und Musiktheater und zugleich auch politisch war.

„Par la Force du chant“, „Durch die Kraft des Gesangs“ bedeutet einen leidenschaftlichen Einsatz für Kunst und Kultur und für ein vereintes, auf Kunst und Kultur gebautes humanistisches Europa. In seinen eigenen Worten: „ Theater machen ist also eine Sendung, ein priesterliches Amt beinah, ohne darum eine Offenbarungsreligion zu sein. Das Theater ist eine Religion des Menschlichen.“


Gerard war dabei ein Rebell, der Wirtschaftliches, Politisches und Gesellschaftliches immer wieder in Frage stellte. Als Flame hat er sich selbst oft mit Till Eulenspiegel verglichen, die lustigen Streiche gelten dem Publikum aber vor allem der Politik. Trotz seines berühmten Charmes ging er keinem Kampf mit den politisch Verantwortlichen für seine Oper oder seine Festspiele aus dem Weg. Im Gegenteil, er fand Kraft im Streit. 


Auch hier, bei der Gründung der Ruhrtriennale ließ er sich von der Politik nicht in die Suppe spucken. Auf die Frage „Wusste die Landesregierung in Düsseldorf, was sie tat, als Sie Gerard Mortier engagierte?“ antwortet er am Ende seines Mandats: „Der Politik war nicht klar, dass ich das Festival SO machen würde, das ist auch nicht ihre Aufgabe. Sie hatte die neue Idee, und ich musste diese Idee aus meinen Erfahrungen heraus mit neuen Versuchen gestalten. … Es kann und darf kein Abklatsch von Salzburg sein, sondern der Versuch, mit Fragen, die sich heute stellen, neu umzugehen und keinen falsch verstanden Kanon zu behaupten.“

In seiner Zeit in Belgien gab es eine Auseinandersetzung über die Finanzierung der Brüsseler Oper. Ihm waren deutlich höhere Zuschüsse zugesagt worden, die vom damaligen Budgetminister Guy Verhofstadt kurzfristig gestrichen wurden. Daraufhin gründeten zwei belgische Society Damen den Freundeskreis „Les Amis de la Monnaie“ und organisierten kurzerhand eine Postkartenaktion. Eine halbe Million Karten wurden an den Minister geschickt.

Das Wort Spammen gab es damals noch nicht.




Auch in Österreich scheute Mortier den Konflikt nicht. 1999 hielt der damalige Bundespräsident Thomas Klestil eine „Kulturkampfrede“ zu den Festspielen. Er griff Mortiers künstlerisches Konzept direkt an, auch um eine Koalition zwischen der ÖVP und der FPÖ vorzubereiten. Klestil kritisierte das „demokratische Verständnis von Kultur" und sah „Konfrontation statt Harmonie, Provokation statt Gleichklang, Spektakel statt Werktreue, "Stückezertrümmerung" statt humanistisches Bildungstheater“. 

Gerards Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. In einem Interview warft er dem Österreichischen Staatspräsidenten vor, die Festspiele in die Zeiten des Kampfs gegen die „entartete Kunst“ zurückversetzen zu wollen. Mortier wörtlich: „Wenn man den Bundespräsidenten beim Wort nimmt, dürfte man Wedekind ebenso wenig spielen, wie alles was man vor und während des Zweiten Weltkrieges als entartet gebrandmarkt hat. Diese Rede erinnert fatal an jene Zeiten.“ Diese „unglaublich oberflächliche' Rede war für ihn ein Signal. „Wir müssen uns sofort dagegen wehren.“ 

Diesen politischen Impuls von Gerard Mortier kann ein Verein wie der unsere nur begrenzt aufgreifen. Wir können aber seine Schüler und Nachfolger an diese kämpferische Haltung erinnern.

Ich möchte schließen mit einer Anekdote, in der sich der eulenspieglerische Rebell zeigt. Am 16. Mai 1989 sollte die Premiere der Neuorchestrierung der Monteverdi-Oper „L'incoronazione di Poppea“ des belgischen Komponisten Philippe Boesmans im Theatre Royal de la Monnaie stattfinden.

Als eine der wenigen verbliebenen nationalen Kultureinrichtungen hat die Oper eine Verbindung zum Königshaus. Es wurde angefragt ob eine royale Anwesenheit der Feier noch mehr Glanz verleihen könnte. Die damalige Königin Fabiola, die selbst Gitarre, Klavier und Tischorgel spielte, sagte zu, ließ aber auch mitteilen, dass sie nur bis zu Pause bleiben werde.  Gerard ließ sich sofort telefonisch mit dem Sekretär der Königin verbinden und teilte diesem kurz und bündig mit: „Entweder kommt sie für die ganze Oper oder sie kann im Palast bleiben.“ Ich vermute, dass diese Botschaft etwas diplomatischer an die Königin vermittelt wurde, jedenfalls hat sie die ganze Vorstellung bis zum Schluss verfolgt und im Anschluss den Künstlern auf der Bühne gratuliert.

Vielen Dank

Carl Grouwet

Preisverleihung am 21. September 2025, Ruhrtriennale, Jahrhunderthalle, Bochum

Carl Grouwet

Ruhrtriennale 2025

Gerard Mortier

Albrecht Thiemann, Hartmut Haenchen, Frieda Lange, Ines Brandes, Carl Grouwet, Ivo Van Hove, Krystian Lada, Sivan Ben Yishai