Die kulturelle Identität Europas

von Gerard Mortier

 

Im Jahr 1949, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ging Juliette Gréco, die damals in einem Nachtklub namens Taboo auftrat, mit ihrem Liebhaber, dem Jazz-Trompeter Miles Davis, am Ufer der Seine spazieren. Paris war damals, dank der Entscheidung eines deutschen Generals, die dieser gegen den Willen Hitlers getroffen hatte, eine der am besten erhaltenen Hauptstädte Europas. Das traf auf Berlin nicht zu – und deshalb spazierte Marlene Dietrich dort auch nicht mit Yves Montand am Brandenburger Tor. Denis de Rougemont, Autor des immer noch lesenswerten Buchs L’Amour et l’Occident und darüber 

hinaus Begründer der Europäischen Vereinigung der Musik-Festivals, verfasste zu jener Zeit einen deprimierenden Bericht über das zerstörte Berlin und die katastrophale Lage der Frauen und Kinder in dieser Stadt. 

Wir brauchen solche Bilder, um zu verstehen, warum die Europäische Gemeinschaft ins Leben gerufen wurde. Nach zwei verheerenden Weltkriegen im 20. Jahrhundert war Europas  Vormachtstellung als mächtigster Kontinent der Welt zusammengebrochen. 

Stattdessen wurde es zum Schauplatz des Kalten Krieges zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Machtzentralen verlagerten sich nach Moskau 

und Washington. Zu Recht fordert uns der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk in seinem Buch Falls Europa erwacht auf, uns diese Konstellation immer wieder vor Augen zu halten, bevor wir die europäischen Institutionen kritisieren. Wir hatten die Errichtung eines vereinten Europas ebenso nötig wie ein Genesen der seine Krücken, nachdem Europa sich sämtliche Knochen gebrochen und – mit der Ermordung von über sechs Millionen Juden 

und Sinti und Roma – auch einen großen Teil der Seele unserer Kultur zerstört hatte, wie dies George Steiner in seinen Reflexionen über unseren Kontinent schrieb. Daher war es ein visionärer Akt, dass einige unserer fähigsten Politiker im Jahr 1951 die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl gründeten, denn Europa bedurfte dringend eines grundlegenden ökonomischen Abkommens, um einen weiteren Krieg zwischen Frankreich und Deutschland zu verhindern. In diesem geschichtlichen Augenblick wäre es vollkommen verfehlt gewesen, ein Kulturabkommen ins Leben zu rufen. Das Jean Monnet zugeschriebene, wenn auch wohl nicht authentische Diktum »Wenn ich es noch einmal 

zu tun hätte, würde ich mit der Kultur beginnen!« wird in diesem Zusammenhang immer wieder falsch zitiert. Die Wunden und Verletzungen waren auf beiden Seiten zu tief, und solange Menschen an Hunger starben, war der Zeitpunkt für den kulturellen Austausch noch nicht gekommen. Es war aber lehrreich zu beobachten, wie die Deutschen die Kraft auf brachten, ihre Theater wieder aufzubauen, und wie in Paris, als Reaktion auf die beiden 

Weltkriege, intellektuelle Bewegungen wie der Existenzialismus entstanden: Sartre nahm Gedanken des deutschen Philosophen Heidegger auf, und die »Jeunesse dorée« um Boris Vian begeisterte sich für die Musik von Duke Ellington – was im Übrigen der Anfang der kulturellen Amerikanisierung Europas war. 


Das Foto von der Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 1957 ist für mich deshalb das Bild eines der bewegendsten Augenblicke in der Geschichte Europas. Es sollte 

in allen Geschichtsbüchern abgedruckt und über alle digitalen Netzwerke verbreitet werden. Wenn ich es vor Augen habe, kann meine Botschaft einfach nur positiv sein: Wir Europäer sollten den Mut aufbringen, nach dem Vorbild von Martin Luther King zu sagen: »Ja, wir haben einen Traum!« Und die Europa- Skeptiker, die so leichtfertig von einem Albtraum sprechen, sollten sich vor Augen halten, dass die Verwirklichung großer Visionen immer 

Zeit braucht. 50 Jahre bedeuten in der Geschichte der Menschheit nicht viel. Wir haben vergessen, dass nach der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789, in der die Gleichbehandlung aller Menschen festgeschrieben wurde, die Frauen in Europa noch weit mehr als 100 Jahre kämpfen mussten, bevor sie an Parlamentswahlen teilnehmen konnten. 




Andererseits haben wir in den letzten 50 Jahren Unglaubliches erreicht, und ich meine, dass die aktuellen Krisen notwendig sind, um uns dazu zu zwingen, den Aufbau der Europäischen Gemeinschaft weiter voranzutreiben. Es gibt Anlass zur Hoffnung, dass herausragende Vertreter von Europas intellektueller Elite sich aus skeptischen Beobachtern zu aktiven Verteidigern der Europäischen Gemeinschaft entwickelt haben – wie etwa der deutsche Philosoph Jürgen Habermas, der Österreicher Robert Menasse und der deutsch-französische Politiker Daniel Cohn-Bendit, der sein Damaskus-Erlebnis hatte. 


Es ist an der Zeit, das kulturelle Potenzial aller europäischen Länder zu nutzen, um den Menschen zu zeigen, dass sie einer großen Kulturgemeinschaft angehören, die sich in dem 

ausdrückt, was wir als Europäische Identität bezeichnen – und dass diese Identität keine Erfindung ist, sondern etwas sehr Konkretes bedeutet. 


Bevor ich näher auf das Entstehen dieser Identität eingehe, möchte ich zwei Themen ansprechen, die eng mit ihr verbunden sind: einerseits den Nationalismus und andererseits 

die Trias von Ökonomie, Politik und Kultur als Fundament jeglicher sozialen Ordnung. 

Nationalismus

Friedrich Schiller, der Dichter der Ode an die Freude, die von Beethoven im Finale seiner 9. Sinfonie vertont wurde, war einer der Ersten, der eine Art »Nationalgefühl« künstlerisch 

darstellte: in der letzten Szene seines Dramas Wilhelm Tell (1804). 

Die Menschen überwinden alte ständische Schranken und erkennen, unter der aufgehenden Sonne und umschlossen von den ihnen allen vertrauten Gebirgszügen, dass sie einer einzigen Nation angehören. 


Mit der Französischen Revolution wurde die Nation zum Zentralbegriff politischen Denkens. Ein gewähltes Parlament wurde zum Repräsentanten des Volkswillens. Zu Beginn des 

19. Jahrhunderts entwickelten sich die Symbole und Merkmale einer Nation und ihrer staatlichen Institutionen: Die Fahne ersetzte das Wappen, und die Hymne – etwa die Marseillaise – wurde zum Ausdruck eines nationalen Solidarit.tsgefühls. Napoleon sollte dieses Nationalbewusstsein bei seinen europäischen Eroberungszügen nutzen, aber als Reaktion darauf entwickelte sich auch das Nationalbewusstsein anderer Länder. Tolstoi beschreibt dies anschaulich in Krieg und Frieden: Erst mit dem Angriff Napoleons auf Russland entstand dort eine Nationalkultur, die mit Dostojewski, Mussorgski und vielen anderen rasch eine Blüte erlebte. 


Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Nationalismus eine fortschrittliche Bewegung, die es unternahm, die Privilegien der Feudalaristokratie abzuschaffen. In Deutschland wurden zahllose Fürstentümer und Grafschaften im Laufe des Jahrhunderts zugunsten der Gründung einer Deutschen Nation aufgelöst. Eine ähnliche Bewegung entstand in Italien. Verdi hier und Wagner dort wurden zu ihren Helden. Will man den Avantgarde-Charakter der nationalen Bewegungen verstehen, muss man Georg Büchner lesen, den Autor von Dantons Tod und Woyzeck, und seine Berichte über die unerträgliche soziale Lage im feudalen Deutschland. 

Historisch gesehen war der Nationalismus eine der wichtigsten Bewegungen in der Geschichte des modernen Europa. Er hat die Feudalherrschaft beseitigt und den Übergang zu unseren parlamentarischen Demokratien möglich gemacht. 


Diese positive Kraft, die Italien, Deutschland, Großbritannien und später auch Spanien einte, wurde aber unseligerweise von einem neuen Imperialismus missbraucht – so wie es Napoleon als Erster tat. Die Kriege der absoluten Monarchien der Vergangenheit verwandelten sich in die Schlachten von National staaten, die jeweils Europa zu dominieren versuchten. Zwischen 1870 und 1945 fanden die verheerendsten Kriege statt, die unser Kontinent erlebt hat. Die Väter der Europäischen Gemeinschaft haben verstanden, dass es nicht ausreichte, nur ein fragiles Gleichgewicht zwischen den europäischen Nationen zu sichern, um den Frieden zu erhalten, dass vielmehr ein Zusammenschluss der existierenden europäischen Nationen notwendig war, um dem europäischen Kontinent eine Zukunft zu geben. 


Dies ist der Grund, weshalb der Nationalismus heute zu einer reaktionären Bewegung geworden ist. Ihre Führer wollen nicht verstehen, dass der Nationalismus in der Vergangenheit einmal seine Berechtigung hatte, doch dass es in einer veränderten Welt neuer Visionen bedarf. Wie am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Aristokraten, so verteidigen die Nationalisten heute Privilegien, die sich gegen ein übergeordnetes gemeinsames Interesse der europäischen Völker stellen. Die Zeit der Nationalstaaten ist aber vorbei. Um für unsere neuen Situationen Lösungen zu finden, bedarf es neuer staatlicher Strukturen, und wenn wir das nicht verstehen wie weiland die griechischen Stadtstaaten, wird ein neuer Alexander der Große kommen und uns diktieren, was zu tun ist. 

Die soziale Ordnung

Ein zweites Thema, dem wir uns zuwenden müssen, ist die Frage, wie es gelingen kann, die Stabilität unserer sozialen Ordnung zu garantieren. Denn wenn wir jetzt bereits seit mehr als einem Jahrzehnt von einer großen Krise sprechen, liegt das daran, dass unser Sozialsystem völlig in Unordnung geraten ist. Die soziale Ordnung jeder Gesellschaft basiert auf einem fragilen Gleichgewicht von drei Systemen: der Ökonomie, die die Produktion und den Austausch von Gütern regelt, der Politik, die das Verhältnis zwischen den Individuen regelt sowie zwischen den Individuen und den für ihr Zusammenleben geschaffenen Institutionen, und schließlich der Kultur, die das Verhältnis des Menschen zu seiner eigenen Natur reflektiert und die ihren höchsten Ausdruck in Kunst und Wissenschaft als Leistungen  menschlicher Kreativität findet. Diese drei Systeme existieren nicht unabhängig voneinander, sondern stehen in ständiger Wechselbeziehung miteinander: Das ökonomische System hat politische und kulturelle Aspekte, die Kultur ist – auch – Teil des 

ökonomischen und politischen Systems, und die Politik hat kulturelle und ökonomische Zwecke. 


Die Gründe für die gegenwärtige Unordnung sind offensichtlich: In jedem dieser Systeme sind uns grundlegende Spielregeln abhandengekommen. Im ökonomischen System machen uns die Verteidiger des Neoliberalismus vor, dass ausschließlich die Kräfte des Marktes Produktion und Warenaustausch diktieren sollen. Wir sollten uns nicht mit Geld als Tauschmittel begnügen, sondern aus Geld noch mehr Geld machen – wie in einem Spielkasino. Nun wissen wir aber, was mit Kühen ge schehen ist, die ihrer Natur nach vegetarisch leben und die, gegen ihre Natur, mit Fleischabfällen gefüttert wurden – es entstand der Rinderwahn. Ich gehöre keineswegs zu denjenigen, die alle Aspekte des 

Neoliberalismus verdammen. Ich kann sehr gut verstehen, dass man von bestimmten Ideen eines Isaiah Berlin oder Friedrich von Hayek fasziniert sein kann, wie etwa Michel Foucault, der seine letzte Vorlesung am Collège de France über den Liberalismus hielt. Nach den katastrophalen Erfahrungen mit der kommunistischen Planwirtschaft ist es nur zu verständlich, dass viele Intellektuelle die Idee des Pluralismus dem Gedanken der Verfolgung eines verordneten gemeinschaftlichen Ziels, eines »gemeinen Wohls« vorziehen, wie ihn europäische Denker seit Rousseau und Kant entwickelt haben. Aber auch wenn man der Meinung ist, dass die Globalisierung der Weltwirtschaft uns dazu zwingt, raffiniertere Lösungen zu finden als ein angebliches gemeinsames menschliches Ziel, so glaube ich dennoch nicht, dass der Markt allein das ökonomische System lenken soll. Das wäre 

ein ähnlich monopolistisches System wie Rousseaus »volonté générale«. Wenn der Markt allein alle Vorgänge im ökonomischen System diktierte, dann hätten wir keinen Grund mehr, uns der irrsinnigen Waffenproduktion in aller Welt entgegenzustellen oder das System eines grenzenlosen »Entertainment« zu kritisieren, das selbst noch die Gewalt ausbeutet und industrialisiert, wie wir dies zuletzt bei der grauenhaften Schlächterei in Newtown in 

den USA erlebt haben. 


Aber das ist noch nicht alles. Wenn ausschließlich der Markt die Ökonomie beherrschen soll, wird dieser Markt unablässig neue Bedürfnisse wecken, die für die Zivilisation gar nicht notwendig sind. Wir alle könnten mühelos Listen schreiben von Dingen, die wir einkaufen, obwohl wir sie nicht wirklich benötigen. Es ist aber der Markt, der diese neuen Bedürfnisse  geweckt hat. Damit will ich sagen, dass im ökonomischen System die Tugend der Solidarität ganz genauso unverzichtbar sein muss wie die Tugend des Pluralismus. Deshalb war ich sehr beeindruckt von einem Interview der Zeitung De Tijd mit dem niederländischen Wirtschaftswissenschaftler und Politiker Herman Wijffels, der erklärte, in naher Zukunft könne es wichtig werden, über die Notwendigkeit des Besitzes von Gütern nachzudenken; 

es könne zum Beispiel genauso nützlich sein, ein Auto zu mieten, wie eines zu besitzen. Solche Überlegungen bedürfen natürlich einer kulturellen Auseinandersetzung über unser Verständnis von Eigentum. 


Die Unordnung unseres politischen Systems wurde unter den Regierungen von Ronald Reagan und Margaret Thatcher offensichtlich. Wenn man als Politiker behauptet: »Je weniger Staat, desto besser für die Gesellschaft!« – im Übrigen, wie ich glaube, ein Missverständnis der Grundlagen des Liberalismus –, reduziert man damit in logischer Konsequenz auch die Bedeutung der Politik. Das hat zur Folge, dass die Wähler meinen, sie 

hätten Menschen gewählt, die gar nicht gebraucht werden. Man gelangt zu dem Schluss, dass Politiker nichts tun, außer sich mithilfe einer Tätigkeit ohne jeden ersichtlichen Nutzen selbst zu bereichern. Sie werden dann zur Zielscheibe eines allgegenwärtigen  Korruptionsverdachts. Die Medien schlachten diese Suggestionen natürlich aus, und da ausschließlich der Markt das ökonomische System beherrscht, spielen dabei ethische Überlegungen überhaupt keine Rolle mehr, wie dies das Beispiel der Murdoch-Presse zeigt. In Wirklichkeit sind aber unsere politischen Institutionen notwendig, um ein soziales Ordnungsgefüge durch die Ausbalancierung von ökonomischen und kulturellen Werten zu gewährleisten. 


Dabei leidet das kulturelle System nicht nur darunter, dass es aus der Sicht von Ökonomie und Politik lediglich als Anhängsel betrachtet wird, sondern auch darunter, dass eine ständige Verwechslung von Kultur und Kunst stattfindet. Kunst ist – wie Religion oder Wissenschaft – Teil des kulturellen Systems; aber in den meisten Fällen sind Kunstwerke Ausdruck eines Protests gegen ihre kulturelle und soziale Umwelt. 


Ihren Standort und ihr Selbstverständnis bestimmt eine Zivilisation mithilfe ihres kulturellen Systems, und das bedeutet auch, dass wir in diesem kulturellen System Lösungsansätze 

für die Behebung der Unordnung in den ökonomischen und politischen Systemen suchen müssen. 

Die europäische Identität 

Wir müssen also Überlegungen zu den kulturellen Aspekten der europäischen Zivilisation anstellen, um Lösungen für die politischen und ökonomischen Probleme im heutigen  Europa zu finden. Wenn wir uns der kulturellen Identität Europas bewusst wären, stünde außer Zweifel, dass die politische Integration der europäischen Staaten nur deren historische Folge und logische Konsequenz ist. Wir wüssten, dass die Nationalstaaten eine wichtige Stufe der geschichtlichen Entwicklung – aber eben auch nicht mehr als eine Stufe – bezeichnen, so wie zuvor die Volksstämme und nach ihnen das Feudalsystem. 


Allerdings sind unsere Bemühungen um eine Kommunikation der kulturellen Identität Europas vorerst gescheitert. Aus Gründen, die ich nicht nachvollziehen kann, haben viele  Menschen und sogar die meisten Politiker Mühe damit, zu erklären, was mit dem Begriff der »Europäischen Identität« überhaupt gemeint ist. Wir hören verwaschene Allerweltsvokabeln wie »dynamisch« oder »unternehmungslustig«, die überhaupt nichts bedeuten. Das ist umso bedauerlicher, als das Wesen dieser Identität in Wirklichkeit sehr klar umrissen ist. 

Geographie 

Beginnen wir mit der Geographie. Kein anderer Kontinent hat so viele Küsten. Das erklärt unseren Sinn für Entdeckungen, und es erklärt auch, warum Europa der Kontinent der Kolonisatoren war. Da man praktisch von jedem europäischen Land aus zum Meer und bis zum grenzenlosen Horizont sehen kann, will man über diesen Horizont hinausgelangen.  Dieser Sinn für Entdeckungen, der die Eroberung aller anderen Kontinente – im Guten wie im Bösen – zur Folge hatte, ist ein erstes Element der europäischen Identität. 


Bestätigt wird dies von den Mythen über Europa. Als Jungfrau wird Europa in der griechischen Mythologie vom Gott Zeus, der sich in einen weißen Stier verwandelt hat, von der Küste Vorderasiens entführt und zur griechischen Insel Kreta gebracht – einmal mehr eine Geschichte von den Spannungen zwischen Land und Meer. Der Mythos erklärt auch, dass unsere kulturelle DNA mit Ägypten und den großen Kulturen des Mittelmeers und Mesopotamiens verwandt ist. Aber da ist noch mehr. Der Mythos vom Stier, eines der mächtigsten Tiere überhaupt, eine wahre Bestie, die allerdings niemals frisst, was sie 

getötet hat, und zugleich ein Symbol für die Fruchtbarkeit, in Verbindung mit der Unschuld einer Jungfrau, die von einem Stier träumt und deshalb von ihrem Vater verstoßen wird – all das sagt uns viel über die erotischen Gefühle in Europa. In anderen Kulturen hat ein Drache oder ein Affe den Platz des Stiers inne – und das ist dann eine andere Geschichte. 


Der Stier-Mythos, der sich auch im römischen Mithras-Kult wiederfindet, ist in der Geschichte vom Minotaurus überliefert. Dieser Kult – der besonders innerhalb des römischen Militärs von Bedeutung war – wurde vom Christentum verboten, aber die Gestalt des Stiers ist in den christlichen Kirchen als symbolischer Begleiter des Evangelisten Lukas erhalten geblieben. Der Stier-Kult lebt natürlich auch im spanischen Stierkampf weiter. Die Lektüre der Bücher von Ernest Hemingway und Jonathan Littell oder die Betrachtung von Picassos einschlägigen Gemälden könnten uns in dieser Hinsicht noch tiefere Aufschlüsse  geben. 


Ein weiterer struktureller Zug der europäischen Geographie besteht darin, dass Europa der einzige Kontinent ist, der von einem Ende zum anderen zu Fuß durchwandert werden kann, vom norwegischen Bergen bis zum portugiesischen Lissabon. Unmöglich, einen solchen Fußmarsch quer durch das Death Valley in den USA zu unternehmen oder durch die australische Wüste, die mongolischen Steppen oder das brasilianische Amazonas- 

Gebiet. Das mag übrigens auch der Grund sein, warum eine der häufigsten Tempobezeichnungen in der europäischen Musik das Andante ist: Es kommt vom italienischen »andare«. Den europäischen Kontinent zu Fuß oder anderswie zu durchqueren, ist charakteristisch für die europäische Kultur. Die »Italienische Reise« über die Alpen war Teil der europäischen Bildungsreisen, schon bei Goethes Vater, dann bei seinem Sohn, bis hin zu Stendhal und zu Nietzsches »Drang nach dem Süden«. In Berlioz’ Harold en Italie erhielt er sein hörbares Äquivalent. In mehr als tausend Jahren sind Millionen von Pilgern den Weg nach Santiago de Compostela gewandert. Die Gebirge Europas sind keine unüberwindlichen Hindernisse, sondern Orte des Austausches. Hannibal hätte mit seinen Elefanten schwerlich den Himalaja oder die Anden überschreiten können. Die Pyrenäen waren von jeher ein Ort des Handels und der Begegnung. Zur Grenze wurden sie erst, als die iberische Halbinsel sich in sich selbst verschloss. Peer Gynt wandert von den norwegischen Fjorden bis zum Nil-Delta und Lord Byron von England bis 

Griechenland. T héophile Gautier, Prosper Mérimée und Rainer Maria Rilke schrieben die schönsten Gedichte über ihre Reisen quer durch Spanien. Die europäische Musik schuf nicht nur das Andante als Tempobezeichnung, sondern auch eine Vielzahl außerordentlicher Werke, die das Wandern zum Gegenstand haben, wie der Liederzyklus Winterreise, die Fantasie in C-Dur für Klavier, genannt die Wanderer-Fantasie von Franz Schubert oder Années de pèlerinage von Franz Liszt. 


Faust und Don Juan 

Ein anderes charakteristisches Merkmal der kulturellen Identität Europas sind die Mythen von Faust und Don Juan. Literatur und T heater haben fortwährend aus der griechischen  Antike und ihren Mythen geschöpft. Zwei eigene neue Mythen sind erst zu Beginn der Neuzeit, in der Morgenröte des 16. Jahrhunderts, entstanden: Faust und Don Juan. Zwei der größten europäischen Künstler sind davon zu Meisterwerken inspiriert worden, Goethe und Mozart. 


Der Faust-Mythos, entstanden im protestantischen Umfeld Nordeuropas, ist der Mythos des europäischen Menschen, der sich ins Zentrum des Universums stellt. Er will den ganzen Kosmos ergründen. Goethes Faust trotzt am Ende seines Lebens dem Meer durch Urbarmachung Land ab, auf dem er eine Stadt gründen will wie Venedig. Selbst den Flug zum Mond in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts darf man als eine Vollendung dieses welt- und kosmosumfassenden faustischen Unternehmens betrachten. Andere Kulturen würden niemals auf den Gedanken kommen, zum Mond zu fliegen, weil dieser als Göttin und nicht als Stern betrachtet wird. Faust, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, um seine Jugend wiederzufinden und noch mehr Wissen zu erlangen, verliert seine Seele in jenem Augenblick, als er scheinbar befriedigt ist und sagt: »Verweile doch, du bist so schön!« Der faustische Mensch kann gar nicht anders, als immer weiter zu streben, solange er lebt. Dieser faustische Geist ist ein grundlegender Schlüssel zum Verständnis von Europas 

Geschichte. Der Glaube an einen ständigen Fortschritt ist ihr wesentliches Prinzip. 


Der Don-Juan-Mythos ist im katholischen Milieu Südeuropas, in Spanien und Italien geschaffen worden. Dieser Mythos repräsentiert die Revolte gegen die seit Augustinus von 

der katholischen Kirche vertretene Glaubenslehre, wonach der Sex etwas Schändliches sei, weil er die menschliche Erbsünde und den Abfall von den göttlichen Gesetzen verkörpert, solange er nicht strikt auf die Fortpflanzung bezogen ist. Nach der biblischen Genesis bezeichnete die Erbsünde nur das Verlangen, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu lernen, erst seit Augustinus ist die Dämonisierung der Sexualität im Christentum entstanden. Die Don-Juan-Geschichte ist eine Fabel über die zerstörerischen und zugleich schöpferischen Kräfte des Eros und folglich auch über Leben und Tod. 

Die Religionen 

Wenn man über Religionen in Europa nachdenkt, so sollte man nicht vergessen, dass die drei abrahamitischen Religionen aus dem Nahen Osten importiert wurden. Seit der Zeit der Kelten hatte Europa keine eigene Religion erfunden, im Gegensatz zu anderen Weltregionen. Weist dies darauf hin, dass Europa im Kern ein säkularer Kontinent ist? Hier waren Kaiser und König niemals selbst Gott, wie etwa in Ägypten, Japan oder China. Das erklärt auch, warum es den Investiturstreit gegeben hat, also den Streit zwischen weltlicher und geistlich-kirchlicher Macht im Mittelalter. Es ist wahr, dass der Katholizismus zur Zeit 

von Konstantin und Chlodwig offizielle Staatsreligion wurde, aber der Papst musste immer mit dem König verhandeln. Dieser säkulare Charakter Europas machte die großen philosophischen Entwicklungen seit Platon und Aristoteles und deren Wiederentdeckung 

in der Renaissance möglich. In anderen Kulturen wird die Erschaffung der Welt, wenn nicht von der Religion, so doch von Mythen erklärt, während sich die Philosophie auf die Formulierung von Verhaltensregeln beschränkt. In Europa hat sich die Philosophie immer als Suche nach Antworten auf die grundlegende Frage verstanden, was und auf welche Weise wir wissen können. Das Denken Kants war nur möglich vor dem Hintergrund 

dieser für Europa charakteristischen kulturellen Identität. 

Die Künste 

Es hat keine große künstlerische Bewegung in Europa gegeben, die nur einer Nation oder einem Land zugehört. Ideen der deutschen Romantik haben sich in Frankreich durch die Vermittlung von Madame de Staël und Chateaubriand verbreitet; die Freimaurer-Bewegung gewann von England aus und über Frankreich kommend in Deutschland Einfluss; die Kunst des Barock drang – als Symbol der Gegenreformation – mit den Jesuiten in alle Länder Europas ein, und natürlich finden wir dort später auch Surrealismus und Expressionismus. 


Das Thema der Frauenemanzipation in der Literatur des 19. Jahrhunderts ist kein nur nationales, sondern ein europäisches, das belegen etwa Flauberts Madame Bovary in Frankreich, Ibsens Hedda Gabler in Norwegen und Tolstois Anna Karenina in Russland. Die Technik der Ölmalerei von Jan van Eyck ist von Giovanni Bellini in Italien aufgegriffen worden, und das Genre der Porträtmalerei der altniederländischen Meister eroberte ganz Europa. Der Pierrot war nicht nur eine Figur der italienischen Commedia dell’arte, sondern Thema einiger der heute berühmtesten europäischen Gemälde – vom Franzosen Watteau bis zum Spanier Picasso. Aber das ist noch nicht alles. Die sogenannten »typisch nationalen« Kunstwerke sind zum größten Teil viel mehr europäisch als national inspiriert. Wagners Opern würden ohne nordische Epen und keltische Sagen aus Irland nicht existieren. Die meisten Menschen empfinden die Märchen der Brüder Grimm als typisch für den deutschen Geist, doch diese Geschichten wurden von den Märchen des Franzosen 

Charles Perrault inspiriert und sind den Grimms von Frauen aus hugenottischen Familien erzählt worden, die aus Frankreich fliehen mussten. Und wenn jemand glaubt, dass die Geschichte des Wilhelm Tell mit seinem Apfel typisch schweizerisch sei, so bedauere ich, enthüllen zu müssen, dass sie einem dänischen Märchen entstammt. Ich könnte noch viele andere Beispiele anfügen, die zeigen, dass die europäische Identität nichts Erfundenes ist, sondern tatsächlich existiert. Man erkennt dies sofort, wenn man sich nur etwas gründlicher mit der Geschichte der europäischen Kunst befasst. Gewiss hat jedes Land sein eigenes Kolorit, aber der Farbfächer ist europäisch.

Ein letztes wichtiges Beispiel. Die klassische Musik ist eine der größten Errungenschaften der europäischen Kunst. Die Erfindung der Notenschrift bildet die Grundlage ihrer Entwicklung. Andere Kulturen, wie etwa die indische, kennen viel komplexere Rhythmen, und die Pygmäen haben ein erstaunliches polyphones System geschaffen. Aber diese harmonischen und rhythmischen Systeme blieben Hunderte Jahre hindurch unverändert. 

Im Gegensatz dazu hat die europäische Notenschrift eine sehr schnelle Entwicklung auf dem Gebiet des Musikschaffens ermöglicht – mit einer enormen Formenvielfalt von der Polyphonie zur Monodie, vom Kontrapunkt zur Sonatenform, von tonalen zu zwölf tönigen und modalen Systemen. Diese »musique savante« (»Kunstmusik«) beschränkte sich nicht auf eine einzelne europäische Nation, sondern wurde in allen Nationen Europas entwickelt und aufgeführt. Das gilt übrigens auch für die sogenannten Nationalopern, die überall gespielt wurden. Verdi schrieb eine neue Oper für St. Petersburg, Wagners Lohengrin 

war in Venedig erfolgreich, und die Russen Mussorgski und Tschaikowsky wurden in Paris als Helden gefeiert. 

Ich könnte noch mit vielen solchen Beispielen fortfahren, aber ich möchte mit zwei pittoresken Details enden: In Europa bezeichnen wir unsere Stra.enzüge nicht mit Zahlen, 

sondern wir geben ihnen die Namen historischer Persönlichkeiten und Ereignisse. Augenfällig ist auch der Unterschied zwischen einer amerikanischen Bar und einem europäischen Kaffeehaus. Wir gehen ins Café Landtmann in Wien, in das Falstaff in Brüssel, das Círculo de Bellas Artes in Madrid oder in die Deux Magots in Paris, um dort die Zeitung zu lesen oder mit Freunden zu sprechen. In einer amerikanischen Bar ist das Licht gedämpft; man ist dort eher auf der Suche nach einer emotionalen als nach einer intellektuellen Begegnung. 

Wenn ich über die europäische kulturelle Identität spreche, so heißt dies nicht, dass ich dieser Identität einen privilegierten Status gegenüber anderen Weltregionen zuspreche, 

sondern lediglich, dass diese Identität keine Wunschvorstellung ist und auch keine Erfindung des Europäischen Parlaments oder der Europä ischen Kommission, sondern eine historisch gewachsene Realität. 

Da die weitere politische und ökonomische Integration der europäischen Nationen der nächste Schritt auf dem Entwicklungsweg der Europäischen Gemeinschaft ist, die dafür 

notwendigen Entscheidungen aber leider in starkem Maße von nationalen Reflexen verkompliziert werden, ist noch viel Arbeit hinsichtlich einer Kommunikation unserer europäischen kulturellen Identität zu leisten. 

Junge Menschen aus den Ländern der Europäischen Union, die in den Genuss des Erasmus-Programms kommen, die von Oslo nach Lissabon reisen, ohne ihren Pass vorweisen zu müssen, und die ohne spezielle Arbeitserlaubnis in jedem europäischen Land beruflich tätig werden und überallhin übersiedeln können, ohne sich in langen Warteschlangen anstellen zu müssen, wie ich dies noch selber musste, als ich die Leitung der Salzburger Festspiele übernahm – diese jungen Menschen sollten sich bewusst sein, dass sie all diese Möglichkeiten der Europäischen Gemeinschaft zu verdanken haben. 

Im Übrigen müssen wir immer darauf hinweisen, dass die europäische Integration die lokalen Eigenheiten der unterschiedlichen Nationen, oder sagen wir besser: Regionen, keineswegs zerstört. Im Gegenteil würde ohne die Europäische Gemeinschaft ein Zerstörungsprozess als Folge der Globalisierung und einer unaufhaltsamen Entfesselung der Märkte sehr schnell voranschreiten. Nationalisten, die ihre nationalen Privilegien gegen die Europäische Gemeinschaft verteidigen, repräsentieren fast ausnahmslos Nationen, die selbst das Resultat einer großen Vielfalt unterschiedlicher Regionen und Kulturen sind. In Frankreich gab es eine Zeit, da sowohl die »langue d’oc« als auch die »langue d’oïl« gesprochen wurde; die Bayern sind immer noch beleidigt, wenn man sie mit den Preußen verwechselt. Aber es gab schon einmal eine Zeit, als der junge Friedrich II. von Hohenstaufen, der in Italien geboren wurde und dort den größten Teil seines Lebens verbrachte, sich keineswegs als Italiener verstanden hat. Er sah sich vielmehr als Glied des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. 

Den kommenden Generationen müssen wir vermitteln, dass die Europäische Föderation nur die logische Weiter-entwicklung der staatlichen Strukturen und Institutionen unseres 

europäischen Kontinents ist; und dass sie den Notwendigkeiten unserer Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts entspricht. Gerade im Rahmen einer Europäischen Föderation können sich die zahlreichen kulturellen Unterschiede der europäischen Regionen erst frei entfalten. Separatistische Bestrebungen beruhen zumeist auf persönlichen politischen Motiven und können keinerlei Rechtfertigung in kultureller Hinsicht vorweisen. Sie sind Ausdruck eines verspäteten Feudalismus und stellen keinen sinnvollen Weg für die Weiterentwicklung unserer kulturellen, politischen und ökonomischen Situation zu Beginn des 
21. Jahrhunderts dar. 

Mozart reiste quer durch Europa – durch Deutschland, Frankreich, England, Belgien, die Niederlande, Tschechien, die Slowakei und Italien, 4 000 Tage lang während der knapp 

36 Jahre seines so kurz befristeten Lebens. Er sprach fließend Deutsch, Französisch, Italienisch, und er lernte Englisch. Er teilte die Ideen der Freimaurer hinsichtlich Menschlichkeit und Solidarität und die entsprechenden Werte der christlichen Kirche, und 

er war ein Anhänger der Erklärung der Menschenrechte. Seine Opern sind der höchste Ausdruck seiner Kunst, er vereinigt in ihnen die Komplexität der deutschen Sinfonik und die Schönheit des italienischen Belcanto. Er unterzeichnete seine Partituren mit seinem französischen Namen »Amadé«. Er ist einer von vielen Künstlern, die uns auf unserem europäischen Weg leiten können. 


Dieser Text ist als Manuskript für einen Vortrag entstanden, den Gerard Mortier 

im Rahmen der Grandes Conférences Catholiques am 13. März 2014 in Brüssel 

hätte halten sollen. Aus dem Französischen übersetzt von Sven Hartberger.
(aus: Gerard Mortier, Das Theater, das uns verändert – Essays über Oper, Kunst und Politik. Kassel, Bärenreiter/Metzler, 2018)